• PRINCE2 in der Praxis – ein Überblick (Teil 1)

  • Unter der Vielzahl von Zertifizierungen für Projektmanagement diejenige zu wählen, die einen persönlich und beruflich (wahrscheinlich) am meisten weiterbringt, ist nicht leicht. In diesem Artikel soll daher ein Überblick über die Vor- und Nachteile des PRINCE2-Frameworks gegeben werden.

    PRINCE2 unterscheidet sich von anderen PM-Methoden (wie etwa PMP oder IPMA) schon dadurch, dass sie sich am ehesten als eine Sammlung von Best Practices beschreiben lässt. Entstanden durch Initiativen der britischen Regierungsbehörden ist nun die Axelos Limited der Eigentümer, die auch das alleinige Lizenzrecht innehat. Zertifizierungen werden dagegen durch die eigens für Akkredetierungen gegründete „APMG-international“ ausgestellt. Diese Unternehmen sind ebenso für ITIL oder M_o_R (Management of Risk) bekannt. Vorschläge für Änderungen sind allerdings durch jedermann, auch international, möglich.

    In der aktuellen Version (PRINCE2 2009) ist der Fokus weg von reinem IT-Projektmanagement zu generellem Projektmanagement gewandert. In der öffentlichen Hand ist es gerade in England immer häufiger für Projekte vorgegeben, jedoch ist der Bedarf nach PRINCE2-Erfahrung auch in Deutschland wachsend (http://www.presseportal.de/pm/68231/2854151, https://www.itsm-consulting.de/news-events/news-feed/prince2-projektmanagement, http://www.it-daily.net/analysen/22-archiv-alt/3117-prince2-nachfrage-nach-projektmanagementmethode-steigt).

    Der erste Überblick über PRINCE2 erschlägt einen gerade zu mit Begriffen, die insbesondere in der deutschen Übersetzung sehr sperrig klingen. Auch die Vielzahl der Dokumente und Strategien, die anscheinend in einem PRINCE2-Projekt implementiert werden müssen, scheint ausmaßend. Allerdings kann an dieser Stelle nur betont werden: Alle Dokumente, Strategien und sogar Meilensteinvorgaben sind lediglich Vorschläge aus der Erfahrung. Dies heißt insbesondere, dass Dokumente zusammengefasst werden können, Dokumenttitel nicht fest sind und das Tailoiring, also das Anpassen an die eigene (Unternehmens-)Projektumgebung an allen Punkten möglich, sogar gewünscht ist. Festlegungen wie die „Qualitätsmanagementstrategie“, die „Kommunikationsmanagementstrategie“ sowie die „Konfigurationsmanagementstrategie“ würde ich als einzelne (Unter-)Kapitel in einem Projekthandbuch zusammenführen. PRINCE2 entspricht somit eher einer Checkliste, ob an den wichtigen Entscheidungspunkten auch tatsächlich an alles gedacht wurde.

    Das heißt nicht, dass die Vorschläge aus dem Framework alle leichtfertig genommen werden sollen – ganz im Gegenteil. Viele dieser Vorgaben sind so hervorragend ausformuliert, dass dadurch sehr gute Dokumentenvorlagen entstehen und Abhängigkeiten schnell klar werden. Insbesondere das Vorgehen des Change-Managements ist sehr ausgereift und meiner Meinung nach eine der besten Vorlagen, die man am Markt finden kann. Die rechtzeitige, konkrete Festlegung, wer wann welche Arten von Änderungen an einzelnen Arbeitspaketen kommuniziert und wie damit umgegangen wird, ist von integraler Bedeutung für diese Methodik. Aber diese Fülle an Vorgaben muss man auch mit Leben zu füllen wissen.

    Einer der auffallendsten Punkte von PRINCE2 ist die ständige finanzielle Rechtfertigung durch den Business Case – „Lohnt sich dieses Projekt überhaupt noch für das Unternehmen?“ ist die Frage, die das Projekt vorantreibt. So soll und kann natürlich ein Projekt auch – gesteuert – beendet werden, sobald fest steht, dass es sich nicht mehr lohnt.

    Die Frage „Ist PRINCE2 das Richtige für mich?“ kann man somit nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Diese Frage kann man sich selber beantworten, wenn man die erste von mehreren möglichen Zertifizierungen abgelegt hat. Auch das Schauen über den Tellerrand, also das Informieren über die anderen Methodiken, bleibt dabei nicht aus. Das Handwerk eines Projektleiters wird man allerdings dabei nicht von der Pike auf lernen, genauso wenig wie bei anderen Zertifizierungen. Die berufliche Erfahrung kann man (zum Glück) nur in der Praxis erwerben.

    Insbesondere sind die Projektvorgaben aus dem Unternehmen immer mitzubetrachten. Durch die Beteiligung von internen und externen Mitarbeitern im Entscheidungsgremium (Lenkungsausschuss) ist es besonders wichtig, dass alle einen Überblick über das in PRINCE2 genutzte Vokabular haben oder dieses stark an die Unternehmensbegrifflichkeiten angepasst wurde. Das heißt nicht, dass alle Projektbeteiligten (vom Geschäftsführer zum Entwickler) einen PRINCE2-Foundation-Kurs gemacht haben müssen. Aber hilfreich wäre es schon.

    Über die Integration von PRINCE2 in moderne IT-Projekte und die dabei zu beachtenden Punkte geht es im nächsten Teil dieser kurzen Artikelserie.